Der Ruf nach Veränderung – wenn ich merke, dass etwas nicht mehr passt
„Irgendwie bin ich nicht mehr zufrieden.“ „Eigentlich ist alles in Ordnung, aber irgendetwas fehlt mir.“ „Ich funktioniere, aber so richtig Freude macht es mir nicht mehr.“
So oder ähnlich beschreiben Menschen ihre Situation, wenn sie mit dem Wunsch nach Veränderung oder Neuorientierung zu mir kommen.
Nicht immer gibt es dafür einen konkreten Anlass. Vielleicht lässt die Motivation nach, bestimmte Dinge werden zunehmend anstrengend oder die Gedanken kreisen immer wieder um dieselben Fragen. Manchmal kommen körperliche Signale wie Anspannung, schlechter Schlaf oder ein ungutes Gefühl im Bauch dazu.
Was genau sich verändern soll und wohin der weitere Weg führen könnte, ist zu diesem Zeitpunkt häufig noch unklar.
Eines ist jedoch spürbar: So wie bisher möchte ich nicht weitermachen.
Eine Standortbestimmung kann Klarheit schaffen
Wenn noch gar nicht klar ist, woher dieses Gefühl kommt, kann zunächst eine Standortbestimmung hilfreich sein.
In der Beratung arbeite ich dafür gerne mit dem Lebensrad. Dabei betrachten Klient:innen verschiedene Lebensbereiche – etwa Beruf, Gesundheit, Partnerschaft, Familie und Freunde, Freizeit oder Finanzen – und schätzen ihre aktuelle Zufriedenheit ein.
Dadurch entsteht ein Überblick über das Ist. Nicht nur darüber, wo Veränderungswünsche bestehen, sondern auch darüber, was bereits gut funktioniert und unbedingt erhalten bleiben soll. Denn genau darin liegen wichtige Ressourcen für die weitere Veränderung.
Interessant wird anschließend die Frage: Was macht den Unterschied zwischen den einzelnen Bereichen aus? Was fehlt dort, wo die Zufriedenheit geringer ist? Und was ist dort vorhanden, wo sie höher ist?
Manchmal wird dadurch schon deutlicher, worum es eigentlich geht.
Was gestern richtig war, muss heute nicht mehr stimmen
Ein Beruf, eine Beziehung, ein Freundeskreis oder eine bestimmte Lebensgestaltung können über Jahre unseren Vorstellungen entsprechen. Doch Lebensumstände verändern sich – und wir entwickeln uns mit ihnen.
Bedürfnisse können sich verschieben, Erfahrungen verändern unsere Prioritäten und Werte bekommen möglicherweise eine andere Bedeutung. Beruflicher Erfolg kann beispielsweise lange einen hohen Stellenwert haben. Jahre später sind vielleicht Zeit, Selbstbestimmung oder Familie in den Vordergrund gerückt.
Auch unser Selbstbild entwickelt sich weiter. Wie wir uns selbst wahrnehmen, beeinflusst, was wir uns zutrauen, welche Möglichkeiten wir in Betracht ziehen und wie wir handeln.
Carl Rogers beschreibt mit dem Begriff der Inkongruenz eine Diskrepanz zwischen unserem Selbstbild und unserem tatsächlichen Erleben. Auch die Vorstellung davon, wie wir gerne wären – unser Ideal-Selbst – kann dabei eine Rolle spielen.
Auch der hypnosystemische Ansatz nach Gunther Schmidt bietet dafür eine interessante Perspektive. Vereinfacht gesprochen kann Problemerleben entstehen, wenn zwischen dem gegenwärtigen Erleben und einem gewünschten Erleben eine für uns bedeutsame Diskrepanz wahrgenommen wird.
Eine Führungskraft kann beispielsweise beruflich erfolgreich sein und trotzdem zunehmend unzufrieden werden. Im gegenwärtigen Arbeitsalltag erlebt sie vielleicht vor allem Termindruck, Verantwortung und wenig Gestaltungsspielraum. Gewünscht wären dagegen mehr Zeit für inhaltliche Arbeit, Austausch mit Mitarbeiter:innen und das Gefühl, wieder stärker selbst gestalten zu können.
Die Frage muss dann nicht sofort lauten: „Soll ich kündigen oder bleiben?“
Zunächst kann viel interessanter sein:
Was genau unterscheidet mein gegenwärtiges Erleben davon, wie ich meinen Arbeitsalltag gerne erleben würde?
Aus dieser Differenz können erste Hinweise entstehen, worum es bei der gewünschten Veränderung eigentlich geht.
Warum verändern wir nicht einfach etwas, wenn wir unzufrieden sind?
Das Bekannte hat einen entscheidenden Vorteil: Wir kennen es.
Oft handelt es sich um schleichende Entwicklungen. Wir merken vielleicht, dass uns bestimmte Dinge nicht mehr so viel Freude machen oder unsere Zufriedenheit abnimmt. Trotzdem läuft der Alltag weiter.
Arbeit, Familie, Termine und Verpflichtungen bestimmen unseren Tagesablauf. Wir reagieren auf das, was gerade notwendig ist und was andere von uns brauchen. Im Funktionier- und To-do-Modus gerät dabei eine wichtige Frage leicht in den Hintergrund:
Wie geht es MIR damit – und was brauche ICH?
Hinzu kommt, dass vertraute Abläufe Sicherheit und Kalkulierbarkeit geben. Selbst wenn wir mit einer Situation nicht mehr zufrieden sind, wissen wir zumindest, worauf wir uns einstellen können.
Auch aus der Entscheidungsforschung ist bekannt, dass Menschen häufig dazu tendieren, am bestehenden Zustand festzuhalten. Gleichzeitig können mögliche Verluste bei Entscheidungen stärker ins Gewicht fallen als mögliche Gewinne.
Das bedeutet nicht, dass Nicht-Veränderung automatisch die bessere Wahl wäre. Es kann aber mit erklären, warum selbst eine unbefriedigende Situation manchmal leichter auszuhalten erscheint als eine noch unbekannte Alternative.
Genauer hinzuschauen muss dabei nicht zwangsläufig bedeuten, etwas im Außen zu verändern. Manchmal wird im Prozess auch deutlich, dass eine Situation bleiben darf, wie sie ist – sich aber der eigene Blick darauf, die Haltung dazu oder der Umgang damit verändert. Auch das kann Veränderung sein.
Veränderung kann auch Unsicherheit bedeuten und Angst machen. Was passiert, wenn ich genauer hinschaue? Muss ich dann tatsächlich etwas verändern? Und was kommt danach?
Um diese oder ähnliche Fragen überhaupt zuzulassen, braucht es auch Mut.
Ich weiß, was ich nicht mehr will – reicht das?
Gerade an diesem Punkt entsteht häufig zusätzlicher Druck – und mit ihm nicht selten eine Handlungsblockade:
Wenn ich weiß, dass ich etwas verändern möchte, müsste ich doch eigentlich auch wissen, was ich stattdessen will.
Doch genau das muss am Anfang noch nicht feststehen.
Im Beratungsprozess kann zunächst geklärt werden, was nicht mehr gewollt ist – und welche Informationen darin bereits über Wünsche, Bedürfnisse oder Grenzen stecken.
Jemand sagt beispielsweise:
„Ich möchte nicht mehr jeden Sonntag schon mit einem unguten Gefühl an die kommende Arbeitswoche denken.“
Daraus ergibt sich noch keine fertige berufliche Lösung. Aber es entstehen neue Fragen: Was genau löst dieses Gefühl aus? Welche Situationen sind besonders belastend? Was müsste im Arbeitsalltag anders sein, damit sich Montag wieder anders anfühlt? Und gibt es bereits Tage oder Situationen, in denen dieses Gefühl weniger stark ist? Was ist dann anders?
Gerade solche Ausnahmen können Hinweise darauf geben, was bereits funktioniert und wovon es möglicherweise mehr braucht.
Veränderung bedeutet nicht automatisch, alles über Bord zu werfen und völlig neu beginnen zu müssen. Manchmal beginnt sie mit einem Gespräch, einer klareren Grenze, einem kleinen Experiment oder auch damit, die eigene Haltung zu einer Situation zu verändern.
Manchmal zeigt sich im Laufe dieses Prozesses aber auch, dass eine größere Veränderung notwendig ist.
Was wäre ein erster Schritt?
Vielleicht ist die erste Frage gar nicht:
„Was ist jetzt die richtige Lösung?“
Hilfreicher können zunächst kleinere Fragen sein:
Was möchte ich behalten?
Was möchte ich nicht mehr?
Wovon wünsche ich mir mehr? Wovon weniger?
Und woran würde ich merken, dass sich etwas in eine gute Richtung bewegt?
Daraus können erste Schritte entstehen. Nicht jeder davon muss bereits die Lösung sein. Ein Schritt kann auch dazu dienen, neue Erfahrungen und damit neue Informationen zu gewinnen: Was funktioniert? Was verändert sich? Was fühlt sich anders an als erwartet? Was möchte ich weiterverfolgen?
Es gibt nicht immer den einen richtigen Weg. Und manchmal braucht es auch Umwege, um klarer zu erkennen, was man eigentlich möchte.
Der Weg darf sich beim Gehen schärfen.
Zu wissen „So möchte ich nicht weitermachen“ ist vielleicht noch kein fertiges Ziel. Es ist aber ein Ausgangspunkt, mit dem sich weiterarbeiten lässt.
Wenn Sie merken, dass sich etwas verändern soll und Sie sich bei der Klärung professionelle Begleitung wünschen, finden Sie hier weitere Informationen zu meiner Beratungs- / Coachingpraxis in Wiener Neustadt, Wien und online.
Und was, wenn ich zwar immer besser weiß, was ich nicht mehr möchte, aber trotzdem nicht sagen kann, was ich eigentlich will?
Genau darum geht es im nächsten Beitrag: Warum unterschiedliche Bedürfnisse, innere Stimmen und widersprüchliche Wünsche es manchmal so schwierig machen, eine klare Richtung zu finden – und wie daraus Schritt für Schritt mehr Orientierung entstehen kann.
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